Bericht von Philipp Nazareth aus der Günzburger Zeitung vom 31.01.2026: Die Altstadtfreunde und „ihr“ Turm
Der Günzburger Stadtturm ist heute ein Aushängeschild. Einst drohte der Bau zu verfallen. Dass es nicht so kam, ist einembesonderen Verein zu verdanken. Dafür erhält er nun die Silberdistel unserer Redaktion.



Von Philipp Nazareth (Augsburger Allgemeine/Günzburger Zeitung, 31. Januar 2026)
Was für eine Aussicht! Auf der einen Seite der Blick auf den weitläufigen Marktplatz und die schmucken Dächer der historischen Altstadt. Durch das gegenüberliegende Fensterwiederum blickt man bei günstigem Wetter bis in die Alpen. Man kann sich hier oben, im sechsten Stock des Günzburger Stadtturms, kaum sattsehen.
Dass das alte Gebäude heute wieder begehbar ist und mit seiner gemütlichen Türmerstube über die Jahre zum Aushängeschild der Großen Kreisstadt an der Donau wurde, ist allesandere als selbstverständlich. In den 1980er-Jahren noch drohte der Bau aus dem 14. Jahrhundert zu verfallen. Aber dann schloss sich eine Gruppe mutiger Bürgerinnen undBürger zusammen und restaurierte das Wahrzeichen. Seit der Wiedereröffnung im Jahr 1992 kümmern die Altstadtfreunde sich mit Leidenschaft um das Bauwerk und bringen sichauch sonst im gesellschaftlichen Leben Günzburgs ein. Für ihr Engagement werden sie nun mit der Silberdistel unserer Redaktion ausgezeichnet.
Bis Ende des vergangenen Jahres war Christine Gorzitze Vorsitzende des Vereins. Die 76-Jährige leitete 15 Jahre lang die Geschicke rund um „ihren Turm“, wie sie gerne sagt. Alslangjährige Leiterin der Tourist-Info ist sie mit der Geschichte Günzburgs vertraut und weiß auch über die damals so desolate Lage zu berichten. „Der Turm war in einem ruinösenZustand, sozusagen ein hohler Zahn, der abbruchreif war“, sagt sie. Das Innere sei voller Taubendreck und Schutt gewesen, wer genug Nerven hatte und hinaufsteigen wollte,konnte das höchstens auf Leitern tun. Die wenigen trittsicheren Stellen waren auf dem Boden mit weißen Markierungen gekennzeichnet.
Allein das Ausräumen des alten Gemäuers habe lange gedauert, erinnert sich auch Gerhard Hohmann, ehemaliger zweiter Vorsitzender. Mit der Schaufel in der Hand befreiten dieehrenamtlichen Helfer das 33 Meter hohe Wahrzeichen von seinem Ballast. Die anschließenden Sanierungsarbeiten dauerten knapp drei Jahre. Das Besondere: Die Kosten für allesim Inneren des Turms finanzierte der Verein selbst, vor allem durch Spenden und andere Aktionen. Das ist auch heute noch so, etwa wenn Renovierungen anfallen, und davon gabes in über vier Jahrzehnten genug. Nur für die Fassade und alles Äußere kommt die Stadt auf.
Ganz unumstritten war die Restaurierung damals nicht. „Natürlich wurde über die Nutzung des Stadtturms zum damaligen Zeitpunkt unterschiedlich diskutiert“, erinnert sichHohmann. Es habe durchaus auch die Überlegung gegeben, den Turm einfach weiter sich selbst zu überlassen.
Welch ein Glück, dass es anders kam. Heute gehört ein Aufstieg durch die engen Treppen zum Pflichtprogramm für viele Menschen, die Günzburg besuchen. Mit unzähligenTouristinnen und Touristen kam Christine Gorzitze schon hierher. Im vierten Stock etwa befindet sich seit 2014 eine Dauerausstellung zu historischen Uhren aus der Region. Auchals internationale Manager einst mit dem Gedanken spielten, in der Region einen großen Freizeitpark zu errichten, empfing die Stadt ihre Gäste mit einer bayerischen Brotzeit imTurm. Im Mai 2002 eröffnete in Günzburg dann bekanntlich das Legoland.
Getragen werden die Aktionen des Vereins durch eine Gruppe aktiver Ehrenamtlicher. Acht Freiwillige kümmern sich im Wechsel darum, dass zum Beispiel das beliebteWeißwurstfrühstück in der liebevoll gestalteten Türmerstube jede Woche stattfinden kann. Sie kaufen ein, waschen Wäsche, putzen. Im Zeichen der Inklusion arbeitet auch einejunge Frau mit Teilhabebeeinträchtigung seit vielen Jahren mit großer Begeisterung jeden Dienstag im Turm mit.
An Marktsonntagen öffnet in der Türmerstube auch das Turmcafé. Und seit 2014 beleben die Ehrenamtlichen das traditionelle Günzburger Guntiafest mit ihrem „Café Klein Wien“.Rund 100 Mitglieder zählt der Verein insgesamt. „Viele fleißige Hände halten das am Leben“, sagt Gudrun Reiter, die seit November neue Vorsitzende ist und damit einenGenerationenwechsel einläutete.
Dass Reiter vergangenes Jahr den Vorsitz der Altstadtfreunde übernahm, brachte übrigens ein Artikel unserer Redaktion ins Rollen. Zuvor sah es nämlich für kurze Zeit so aus, alsfände sich niemand. Umso mehr freut sich die vorherige Vorsitzende Christine Gorzitze, dass ihr Verein nun für sein besonderes, bürgerschaftliches Engagement mit derSilberdistel unserer Redaktion ausgezeichnet wird. „Es erfüllt uns mit Stolz, dass wir diese überregionale Würdigung erhalten“, sagt die 76-Jährige im Namen der Ehrenamtlichen.„Ein Stadtturm, der nur eine äußere Hülle und nicht mit Leben gefüllt ist: Das wäre doch schade.“
Fotos: Alexander Kaya

Liebe Freundinnen und Freunde des Stadtturms Günzburg,
der Stadtturm in Günzburg ist jeden Dienstag ab 10 Uhr zum Weißwurstfrühstück geöffnet.
Der Besuch ist nach Anmeldung bei der Tourist-Info Günzburg, Telefon 08221/200444, bis jeweils montags 11:30 Uhr, möglich.
Außerdem haben wir an den Marktsonntagen in der Zeit von 14-17 Uhr geöffnet und bieten Kaffee und Kuchen an.
Foto: Altstadtfreunde Günzburg